Eintracht über alles? Wie es scheint, kultiviert die
Zentralbank-Stadt den Small Talk, der das bembelmass keinesfalls
überschreitet. Dass das geistige Klima in Frankfurt mal eine anderes
gewesen sein muss, beweist die Existenz zweier ernstzunehmender Zeitungen
– wovon andere Städte der Republik, mit Ausnahme Münchens, bloß
fantasieren – die derzeitige Debatte um den Außen-Jockel (früher
rannte er noch aus gutem Grund: dem Knüppel der Polizei entgehend, heute
nur noch, um den Ranzen wegzuschwitzen), die Existenz der „Frankfurter
Schule", deren Vertreter, Adorno, Horkheimer, Marcuse, es geschafft
haben, zumindest ein paar ihrer Schüler gegen orthodoxe Ideologien zu
immunisieren und nicht zuletzt ein eingetragener Verein mit dem schönen
Namen „Eintracht", die Diva vom Main.
Es ist vorbei, bye bye jetzt gibt es nur noch die „Neue
Eintracht" – die Eintracht Frankfurt Fußball AG.
Die neue Saison verspricht doll zu werden, weniger für
die Fußballer, Fans und Trainer als viel mehr für die neuen Sharehole
Value Halter. Kein direkter Kontakt mehr zum Mob, caesarenlike glotzen sie
aus der architektonisch gewagten Lich(t)er Lounge – gewagt ist dieser
„Bau", ob seiner Dixie-Klo Ästhetik - und knipsen sich mit den
üblichen Incentives die Birnen an. Bestimmt besser, denn dann lässt sich
das dräuende Elend leichter ertragen.
Die Klatsche der Berliner (0:4), wurden von Trainer
Felix Magath noch positiv gesehen, „damit das Gerede endlich
aufhört". Der Heimnimbus der Unschlagbarkeit war zuletzt eine Last.
Gegen Ende der Hinrunde ist er radikal zerstört worden ist. War es das?
Köln, Auftaktgegner der Rückrunde, hat da angeknüpft, wo die Hertha
aufhörte und das leidlich gepäppelte Selbstbewusstsein der Spieler wurde
schwer gedeckelt. Werte AG-ler, die von ihnen aus Werbegründen
anberaumten Trainingseinheiten mit Playmates scheinen nicht so gut zu
fruchten und eigentlich wollt ihr das Bunny doch viel lieber bei Euch in
der Lounge haben, gell ?
Magath bescheinigt seinem Team einen Mangel an
Persönlichkeiten und er hofft, dass sie zumindest den Klassenerhalt
schaffen. Der Norweger Tommy Berntsen, der in der Winterpause das Team
verstärkte, wird wohl kaum seinen Landsmann Jan-Age Fjörtoft ersetzen
können, der im März nach Norwegen zurückkehrt, laut Magath „das Beste
für ihn, seinen neuen Verein und für die Weiterentwicklung bei Eintracht
Frankfurt".
Für Fjörtoft und seine Familie mag der Weggang gut
sein, für die Eintracht ganz gewiss nicht, und für Fußball-
Interessierte ist sein Verschwinden ein großer Verlust. Denn er spielt
nicht bloß gut und schießt kuriose Tore (das Spiel gegen Bayern und der
Blick und die Theatralik des blonden Tor Mastiffs, unvergessen!!), er ist
obendrein ein außergewöhnlicher Mensch: Ein witziger Mensch. Das ist
verdammt viel, wenn man die sonstigen Verbaljongleure des „Fußballbusiness"
z.B. Andreas Möller („Mein Problem ist, dass ich selbstkritisch bin.
Auch mir selbst gegenüber.") betrachtet. (Gibt es da ein „geheimes
Phrasen- Dreschmaschinchen", das die Bild Zeitung ihren
Lieblingsspruchabsonderern zukommen lässt?)
Fjörtoft denkt nach, bevor er spricht und zudem kann
er seine Gedanken charmant vermitteln, eine Gabe die der „Neuen
Eintracht" abgeht. Das hohlköpfige „Neue" verdrängt die
abgetakelte Diva, die zu Frühlingsanfang endgültig zu Grabe getragen
wird.
28.1.2001 Dona Mara