Hertha BSC - 1.FC Köln   4:2
Und so spielt ein Absteiger

"Ich gehe jetzt nach Hause. Sonst werde ich krank." Nachdem das 4:2 für Hertha gefallen war, direkt nach der Halbzeit-Pause eines denkwürdigen Spiels, entbrannte am Nebentisch meiner Stammkneipe Streit. "Nein, Du bliebst. Du hast uns in diesen Laden gelotst und nun bleibst Du auch bis zum Ende hier." "Bitte lasst mich gehen. Das ist so ekelhaft, ich halte das nicht mehr aus." 

Wozu hat man echte Freunde. Manchmal ist es ihre Pflicht, einen zu zwingen, der Wahrheit, auch der bitteren, ins Auge zu sehen. Und die lautet seit heute: Der 1. FC Köln wird in  diesem Jahr keinen Uefa-Cup-Platz erringen. Der FC ist keine Spitzenmannschaft, sondern bestenfalls eine Nachwuchstruppe, die inzwischen auf eine Katastrophe zu steuert. Grüne Jungs, die schön spielen, ohne Zweifel, aber letztendlich immer verlieren. So wie es für gewöhnlich Absteiger tun. 

Wir alle waren Minuten vorher in kollektivem Jubel vereint. Das Kölsch floss in Strömen und schmeckte gut, ja so gut. Arweladse hatte getroffen. Endlich, es geht doch, Archil!  Lottner, an den wir Kölner nie zu glauben aufgehört hatten, verwandelte einen Elfmeter. 2:0 gegen nervöse Berliner. Röber so gut wie entlassen. 

Dann ein Schuss, der in jedem Rückblick auf die Saison 2000/2001 noch zu sehen sein wird. Alex Alves schießt vom Anstoßpunkt. Wie weit ist es bis zum Tor? 50 Meter? An sich schon eine Leistung, den Kasten überhaupt zu treffen. Aber wozu gibt es in jeder Elf einen, der ein langärmliges T-Shirt trägt und den Ball mit den Händen fangen darf. "Torhüter" nennt man diesen Job etwas altertümlich. Markus Pröll verrichtet ihn für den 1.FC Köln. Der Ball fliegt - logischerweise - lang. Erst gen rechts. Pröll steht vielleicht 6 Meter vor seinem Kasten. Guckt in den Himmel. Aha, der Ball fliegt ziemlich hoch. Er fliegt ziemlich weit. Er kommt in meine Richtung. Vielleicht gehe ich mal einen Schritt zurück. Verdammt der Ball fliegt aufs Tor. Dafür bin ich jetzt verantwortlich. Also gehe ich da mal hin. Scheisse der Ball geht jetzt links runter, ich muss mich beeilen. Vielleicht springen. Uuups. 

Wohlgemerkt: Der FC führte nach dieser Darbietung immer noch mit 2:1. Doch es war der Todesstoß, so wie es für die Berliner die Fanfare zum Angriff war. Ein Hühnerhaufen auf der einen Seite, eine abgezockte Mannschaft, die den Glauben wiedergefunden hatte, auf der anderen. Hartmann auf der linken Seite und Alves in der Mitte spielten die grünen Jungs vom Rhein an die Wand. Und eine lahme Ente namens Wosz machte zwei Dinger. 

In früheren Jahren wäre in Köln nun die Trainer-Diskussion entbrannt. Das hat sich geändert. Es hätte auch keinen Sinn. Ewald Lienen hat diese Fohlen-Truppe zu verantworten, er hat sie bis weit über ihre Grenzen zu einer grandiosen Aufstiegs-Saison geführt. Lienen und hinter ihm Hannes Linßen, der sportliche Direktor, hielten es nicht für nötig, den Haufen adäquat zu verstärken. Nun müssen sie die Suppe auslöffeln. Man kann es keinem anderen Trainer zumuten, mit diesem Spieler-Torso einen Neustart zu versuchen. Die einzige Lösung heisst: Geldbörse öffnen und die Fohlen mit alten Hengsten - wie heißt das Gegenteil von "verjüngen"? - seniorifizieren, angreisen, altern lassen. 

Kauft Mike Büskens! Holt Toni Polster zurück! 

Stuhlfauth am 1. Oktober 2000

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