Die
Stadt zählt 50.000 Einwohner und ist ethnisch tief gespalten. Ein
Bahndamm bildet die Demarkationslinie. Nördlich davon wohnen die
Katholiken. Sie entstammen dem westfälischen Bauerntum und nennen
sich Poahl-Bürger. Man wählt CDU. Hier wohnen die hinzugezogenen
Ärzte, Lehrer und sonstige Besserverdienende.
Südlich
des Bahndamms liegt die sogenannte Kolonie. Eine
Bergarbeiter-Siedlung, die einst durch die Zeche Westfalen entstand.
Man wählt hier mindestens SPD, früher auch gerne Kommunisten. Die
DKP hatte in der Kolonie ihre NRW-Hochburg und zog stets mit
mindestens 7% Prozent in den Stadrat ein. An Weihnachten verkauften
die Bolschewiki dem Proletariat billige Tannenbäume, im Frühjahr
günstige Kartoffeln. Sie bauten dem Arbeiter Bushaltestellen, damit
sie nicht im Regen stünden. Mittlerweile gibt es nur noch wenige
Arbeiter. Die Zeche hat dicht gemacht, die DDR hat dicht gemacht und
ebenso das Büro der DKP. Ödnis drohte einzukehren. Wäre da nicht
das Opium fürs arbeitslose Volk, der Fußball.
Wenn
der Club einen Makel hat, dann diesen idiotischen Namen. Man darf
einfach keinen Verein gut finden, der nach einer Firma benannt ist.
Glücklicherweise kennt niemand ein Gebilde names LR, deshalb ist es
halb so schlimm. Hinter der Firma LR International verbirgt sich ein
Parfüm-Tycoon namens Spikker, der sein Unternehmen nach den
klassischen Prinzipien des Direktvertriebs aufgebaut hat, das man
von Tupper- oder den derzeit auf dem Lande so beliebten
Dessous-Parties kennt. Hausfrauen wie z.B. Erika Potthoff werden als
Kunden für billige Duftwässerchen geworben. Zunächst konsumieren
sie für den Eigenbedarf, bald schon müssen sie im Bekanntenkreis
weiterverkaufen. Diese Bekannten verdealen wieder an ihre Bekannten
und Erika Potthoff steigt in der Hierarchie auf. Nach kurzer Zeit
fährt sie mit einem Mercedes durch die Kolonie.
Herr
Spikker legt großen Wert auf die Feststellung, daß diese Form des
Vertriebs keinerlei Ähnlichkeit besitzt mit dem Handel von Drogen.
Das ist schon allein deshalb wahr, weil der Handel von
Parfümerie-Produkten in Deutschland vollständig legal ist, der von
Drogen dagegen in der Regel nicht, es sei denn, es handelt sich um
Alkohol oder Nikotin. Auch der absurde Hinweis, daß Produkte, wie
sie LR International produziert, in Deutschland gern in DROGErien
verkauft werden, in den USA in DRUGstores, rechtfertigt
beileibe noch keinen Vergleich, stammt der Begriff DROGErie doch aus
einer Zeit, als Opium noch genau so legal war wie Parfüm.
LR
Ahlen ist aus einer von Herrn Spikker betriebenen Fusion der
Bergarbeiter-Clubs Grün-Weiss und Blau-Weiss zu einem Verein mit
den Farben Rot-Weiss hervor gegangen. Der Name LR war vorgegeben.
Wochenlang grübelten die Westfalen, wie das Kürzel fußballerisch
zu füllen sei. Die geniale Lösung ist von einem Charme, wie er nur
an der Schnittstelle von Ruhrpott und westfälischer Wallachei
gedeihen konnte: Leichtathletik Rasensport.
Stuhlfauth
(im August 2000, erweitert im September 2001)