1986 REVISITED Eine Auswahl, die eigentlich schon ganz vom Riesenmaul des Vergessens verschlungen war, erlebte plötzlich und unerwartet eine Renaissance: Die Rumpel-Truppe von '86, des Kaisers erster Versuch der Thronerstürmung als Teamchef. Die Parallelen sind aber auch nicht zu übersehen: Ruuudi ist der erste Bundestrainer seit Franz, der als "Teamchef" fungiert; die Elf von '02 hat ihr bestes Spiel ebenfalls erst im Finale gemacht und das sogar verloren, nachdem man im Halbfinale schon alles gezeigt hatte; dem weltbesten Tormann unterläuft im Finale der erste, aber alles entscheidende Patzer; und die Auswahl mit dem Spieler des Turniers hält am Ende die Keule in den Himmel. Und doch bleibt ein Unterschied: Im Gegensatz zur 86er-Auswahl (mit Völler, aber auch Jungs wie Dremmler, Eder und Magath) ist man mit der derzeitigen überaus einverstanden, das war schon super, das im Finale, und überhaupt im Turnier. Weiterer Unterschied: Die Nachfolgetruppe, aufgebaut aus dem Gerüst der Endspielverlierer, nahm vier Jahre später Rache und gewann.
Gefeiert wurde heuer ja schon der Finaleinzug, was man als prima Antizipation werten kann. Egal, wie das Finale gelaufen wäre, irgendwie hatte man es ge"ahn"t: Die Brasilianer machen Schluss mit dem Durchmarsch. Dass es dazu aber ausgerechnet King Kahn gebraucht hat, und die nötige Fortune bei den deutschen Angriffen, war so nicht zu erwarten. Die Deutschen spielten die Brasilianer gelegentlich schwindlig, es war fast wie im Champions League-Finale: Leverkusener, die göttlich spielten, vermeintliche Rasenzauberer, die am biederen Ende das Spiel gewinnen. Ramelow, Schneider und Neuville durften mal wieder am Gral vorbei schleichen und ihre gerade erst erworbenen Silbermedaillen schnell wieder abnehmen. Ungerechte Welt.
Vermutlich ja. Überragte das deutsche Team bis dato dank ihres effizienten Kopfballspiels, ging gehen Lucio & Co. in diesem Punkt nichts. Kaum eine Flanke kam an, kaum ein Kopfball wurde gewonnen. Selbst Bierhoff hatte seine beste Chance mit einem Flachschuss. Mit Ballack wäre das nicht passiert - vermutlich hätte man dann wenigstens ein Tor geschossen.
Ebenfalls ausgefeiert hatten die Türken, nach dem Viertelfinale war Schluss. Ihr Gewinn im Verlierer-Finale gegen die Südkoreaner riss niemand mehr aus den Dönerbuden in die Autos. Man hätte halt auch im Finale stehen können. Und gar nicht mal zu Unrecht. Aber auf die Idee, den klassischen Offensivfußball der 90er mit zwei kombinierenden Stürmer kam man halt erst, als es zu spät war. Der große, gesamte Rückblick fällt aus. Wir alle sind fußballmüde, dieses ewige Frühaufstehen und durch die Stadt cruisen, um noch einen freien Sitzplatz in einer dieser Sportbars zu finden, hat geschlaucht. Familie und Broterwerb sind jetzt wieder angesagt. Spätestens bis es wieder mit der Bundesliga losgeht, dann sind wir natürlich wieder am Start. Bis dahin wünschen wir allen alles und geben den Tipp, nochmal durch die einzelnen WM-Dateien zu klicken. Das ist nämlich der wahre Rückblick.
Yoko
Hamann. |
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