Querbeet

2. Spieltag Vorrunde

DIE CHAMPIONS LEAGUE

Die Favoriten straucheln allesamt. Die blauen Franzosen wirken wie amputiert, nachdem Zizous Oberschenkel nicht mehr mittun will, und können sich eigentlich bei der Torverhinderabteilung Uruguays, die halt auch im Sturm spielt, bedanken. Ja, das ist grad noch so gut gegangen für den Titelverteidiger, der nicht wesentlich besser spielte als im Eröffnungsmatch und nun schon seit 1998 - also seit vier Jahren! - ohne WM-Tor dasteht. Gut nur, dass es jetzt gegen Lieblingsgegner Dänemark geht. Vielleicht auch mit Oberschenkel. Und einem Zweitorevorsprung, dem Anwärter auf das französische Unwort des Jahres. Andererseits ist aufgeschoben nicht aufgehoben, und vielleicht war's das bald mit der französischen génération d'or.

Überraschenderweise müssen auch die Italiener ins Schwitzbad des Zitterns: Dank einer rasant vollzogenen Verjüngung der Kroaten und einem englischen Schiri namens Ted. Nee, sorry, Poll. Naja: Umfrage halt, und wer so heißt, hat das eindeutige Voting der FIFA richtig verstanden, die vermutlich eine Gegentürkei gesucht hat, einen benachteiligten Favoriten nämlich, und Italien wird's sowieso schon machen gegen Mexiko, Elfmeterschießen gibt's ja erst ab Achtelfinale.

Interessanterweise haben Journaille und Spieler bereits einen anderen Hauptschuldigen für kollektives Versagen europäischer Teams gefunden: Die Champions League. Die hat nämlich schon alles an Energie und Kreativität verzehrt (ich sage nur: Leverkusen). Die Favoriten mit ihren Superstars gehen also auf Krücken, und Weltmeister wird das Team mit den wenigsten CL-Spielern: Ich tippe mal auf, äh, England.

FALKLAND SCHLÄGT MALVINAS 1:0

Die Engländer machen nämlich Schluss, Aus, Basta mit alten Mythen. Deutschland? Schon in der Quali 5:1 geputzt. Argentinien? Ha, da reicht ein Elfer. Am Besten noch von Beckham getreten. So gesehen, ist alles in Mutter für das Butterland des Fußballs. Komme Nigeria, was da wolle.

BYE BYE TEIL 1

Abschied ist ein scharfes Schwert, das wissen die Japaner am Besten. Deshalb sind sie noch dabei - im Gegensatz zum Reich der Mitte. Gewinnen kann man halt nur vorne. Und vom Toreschießen verstehen die Chinesen nichts. Mit ihnen darf aber zum Glück auch Waldmeister Schlappner wieder nach Hause. Sein unerträgliches Gebabbel war nämlich ähnlich effektiv.
Slowenien (schade um die Streitkultur) und Nigeria (zu alt) sind ebenfalls undtschüss, und Schalke wird auch nächstes Jahr nicht Meister, was Hajto und Waldoch vorsorglich bewiesen haben. 0:2, 0:4, 0:6. Polen ist doch verloren.
Ab in den Flieger dürfen auch die "Gaudi-Saudis", was die Welt allerdings nicht so gerne sieht. Wenn das mal nicht die Rache der Al Qaida nach sich zieht! Das DFB-Hauptquartier wurde, glaubt man lallenden Zungen gehirnlahmer Geheimdienste, schon mal vorsorglich evakuiert. Überhaupt die Politik: Ausgerechnet die Russen in Moskau zogen los, das alte Spiel "Fußball ist Krieg mit anderen Mitteln" wieder als Ernst zu begreifen. Fan-Ausschreitungen nach der 0:1-Klatsche gegen Japan. Die Schmach von 1904/05 scheint noch tief im "nationalen Gedächtnis" zu sitzen.
Eine andere Art der Verbundenheit zeigten die "Co-Gastgeber" aus Südkorea, die den Amis immer noch nachtragen, zu schnell verduftet zu sein, damals in den 50ern. Gibt's halt Kloppe vor dem Spiel. Auf dem Feld selbst nahmen sich die Verbündeten allerdings nichts und trennten sich 1:1.

IROKESIEN

Die absolute Lieblingsmannschaft neben Henna United (as known as Japan) kommt aus einem Land, das auf keiner Karte zu finden ist. Einem Land, in dem weißbekittelte Menschen mit Scherenhänden und Rasierapparaten herrschen: Irokesien. Zwar sind mit Ziege (unterdessen wieder eingedeutscht), dem Türken Ümit und dem Ami Mathis, der das erste irokesische Tor schoss, erst drei Spieler am Start, aber das wird noch. Sprayfreak Beckham und eben die halbe Truppe von Henna United haben bereits ihre Pässe beantragt. Da staunen selbst die altehrwürdigen Treter der legendären Vokuhila-Truppe, die als "Polen" getarnt 1982 immerhin Dritter wurde und es als "Bulgarien" 1994 und '98 nochmal ins Turnier schaffte.

Yoko Hamann, 10.6.02    gainsbourez@football-crazy.de